Die Vorläufer unseres Vereins

 

Klio, die Muse der Geschichte
(Zinnfigur der gleichnamigen Sammlervereinigung,
in der Jubiläumsgabenfassung)

Die Entstehungsgeschichte der Landesgruppe Rheinland reicht in geradezu mythische Zeiten zurück. Da gab es zunächst eine lose Vereinigung von Zinnfigurensammlern, die sich um 1950 in einem Keller in Köln trafen. Dies war die „Sammlergruppe Rheinland“ der Klio, wie sie damals hieß.[1] Die Gruppe traf sich an verschiedenen Orten im Rheinland, sozusagen in der Tradition Karls des Großen mit seinem wandernden Hof. Der Leiter dieser Gruppe war E. Hermann aus Neuss [2].

1954 wurde es dann offizieller mit der Gründung der „Landesgruppe Rheinland“ der KLIO unter dem Vorsitzenden Wilhelm-Ernst Terheggen aus Rheydt.[3] Wie rührig diese Gruppe war, sieht man an folgendem Ereignis: 1965 veranstaltete das Rheinische Landesmuseum Bonn in Zusammenarbeit mit der Landesgruppe Rheinland unter ihrem Vorsitzenden Terheggen die Ausstellung „Reinische Geschichte in Zinn“ [4], zu der sogar ein bebilderter Katalog [5] erschien, der jahrelang zum Muss in der Bibliothek eines Zinnfigrensammlers gehörte. Gleichzeitig fand am 8./9. Mai 1965 ein „Internationaler Kongreß der Zinnfigurensammler“ in Bonn statt [6], der von der Landesgruppe Rheinland ausgerichtet wurde.

Titelblatt des Ausstellungskatalogs
(Führer des Rheinischen Landesmuseums Bonn Nr. 11)

Da das Einzugsgebiet der Gruppe zu groß war und für viele Sammler die Anreise zu beschwerlich wurde, entstanden schon früh Untergruppen, zunächst 1974 in Köln, Mülheim und Bonn [7], und dann ab 1976 die Landesgruppen „Rheinland 1“ und „Rheinland 2“ [8]. Die letztere traf sich in Bonn.[9]

Die Bonner Gruppe war zunächst eine lose Vereinigung von Sammlern, ohne Vorstand und Statuten. Es gab einen Sammler, Reinhold Vorberg, der die Bonner Veranstaltungen betreute [10]. Er teilte auf hektographierten Blättern die Tagungstermine mit Ort mit und  ließ bei den Treffen einen Hut herumgehen, um Portogeld einzusammeln. Die „Bonner“ trafen sich an wechselnden Orten, u.a. in den Rats-Stuben, einem alten Bonner Restaurant an der Ecke Sterntorbrücke und Florentiusgraben (heute ist dort ein China-Restaurant), später auch im Rheinischen Landesmuseum oder auch schon mal in der Privatwohnung ihres „Leiters“. Wie gesagt, alles war am Anfang sehr provisorisch, wie die alte provisorische Hauptstadt Bonn.

Nach dem Tod von Reinhold Vorberg im Jahr 1985 erschien in der Klio-Zeitschrift DIE ZINNFIGUR [11] ein Nachruf [12], nach dem Motto »De mortuis nil nisi bene« [13]. Wie wir heute wissen [14], wurde dort etwas Wesentliches nicht angesprochen – ob absichtlich oder aus Unwissenheit, sei dahin gestellt: Reinhold Vorberg hatte eine „Vergangenheit“. Bereits 1930 in die NSDAP eingetreten, war er von 1939 bis 1941 maßgeblich an 70.273 Euthanasie-Morden beteiligt; die Beteiligung an der Ermordung von KZ-Häftlingen konnte ihm nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden.[15] Nach dem Krieg war er mit falschen Papieren untergetaucht, 1952 erschien er in Bonn. Als die ermittelnde Behörde auf seine Spur kam, wurde er gewarnt und floh nach Spanien. Durch das diplomatische Geschick von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer wurde er schließlich ausgeliefert und 1968 wegen Beihilfe zum Mord zu 10 Jahren Zuchthaus [16] bzw. 10 Jahren Haft [17] verurteilt.

Nach Reinhold Vorberg übernahm Dr. H. H. Eberstein die Funktion als „Leiter“ der Gruppe II in Bonn.[18]

Der Name „Klio-Landesgruppe Rheinland-Süd“ erscheint erstmals in der Sammlerzeitschrift DIE ZINNFIGUR im Jahre 1990.[19] Da hatte die Gruppe ab Ende 1989 einen rührigen neuen Vorsitzenden [20], Wolfram Fuhrmeister, und es erschien ein „Rundbrief“ aus hektographierten Blättern. Die Sammlertreffen fanden im Rheinischen Landesmuseum Bonn statt, danach in Räumen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Auch war die Zeit der „Hut-Sammlungen“ vorbei, und die Landesgruppe beschloss, einen Beitrag zu erheben. Aber ein rechtsfähiger eingetragener Verein war es noch nicht.

„Rundbrief“ der Landesgruppe Rheinland-Süd, Ausgabe 9/1990

Wie in Vereinen nicht selten, kam es bereits nach sechs Jahren, im Dezember 1995, zu einer Krise: Der gesamte Vorstand trat zurück, da er sich bei der Durchführung einer Zinnfigurenausstellung in den Räumen der Bonner Sparkasse am Friedensplatz von den Ausstellungsmachern nicht genügend eingebunden gefühlt hatte.

Das war aber keineswegs das Ende der Gruppe, die nicht wie vorgesehen zusammenbrach (Merke: Niemand ist unersetzlich!). Die Gruppe gab sich vielmehr einen neuen fünfköpfigen Vorstand und wurde ein eingetragener Verein. Dies war die Geburtsstunde der „Klio Landesgruppe Rheinland-Süd e. V.

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[1] Der Name ist erstmals dokumentiert in der 1. Ausgabe der Zeitschrift DIE ZINNFIGUR, Jg. 1952, Heft 1, Seite 9.

[2] DIE ZINNFIGUR, Jg. 1952, Heft 1, S. 9

[3] Die Zinnfigur, Jg. 1954, Heft 2, Seite 28, Mitteilungen des Bundesvorstandes: »Den Vorsitz in der Landesgruppe Rheinland hat der Sammlerfreund Terheggen in Rheydtt […] übernommen.«; 10/1955, Seite 182, unter „Landesgruppen“: »Rheinland: Wilhelm-Ernst Terheggen, Rheydt, Königstraße 12.«

[4] Unter den 27 Erstellern der ausgestellten Dioramen und Einzelstücke waren 4 Bonner Sammler mit 13 Exponaten, dazu kamen die übrigen „Rheinländer“, mehrere Bundesdeutsche und vier ausländische Sammler. Eine wahrhaft internationale Angelegenheit.

[5] Kunst und Altertum am Rhein, Führer des Rheinischen Landesmuseums Nr. 11, Düsseldorf 1965.

[6] DIE ZINNFIGUR, Jg. 1964, Heft 12, S. 260.

[7] DIE ZINNFIGUR, Jg. 1974, Heft 1, S. 28.

[8] DIE ZINNFIGUR, Jg. 1974, Heft 1, S. 31.

[9] Weitere Bezeichnungen der Bonner Gruppe waren „Rheinland II“ (1977), Gruppe II (1982), „Rheinland II“ (1987), „Süd“ (1988), „Gruppe Süd“ (1989).

[10] DIE ZINNFIGUR, Jg. 1982, Heft 1, S. 35.

[11] DIE ZINNFIGUR, Jg. 1986, , Heft 3, Seite 94 f.

[12]eulogisch“ heißt soviel wie „lobhudelnd“. Dies bezieht sich auf eine traditionelle Form des Nachrufs. Gezeichnet haben den Nachruf W. D. Seeher, ein Mitglied der Bonner Gruppe, und W. E. Terheggen, der Leiter der Landesgruppe Rheinland bzw. Rheinland-Nord.

[13] auch: de mortuis nihil nise bene - „Über die Toten nichts außer Gutes“.

[14] Vgl. Ernst Klee, Was sie taten – Was sie wurden, FrankfurtMain: Fischer, 1986, S. 66-70, 74 f.; oder auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Reinhold_Vorberg; und andere Seiten im Internet, die man unter „Reinhold Vorberg“ findet.

[15] Das Gericht war zu der Ansicht gelangt, dass die Verdachtsgründe „zwar Gewicht ha­ben, aber doch zur Überführung der Angeklagten nicht aus­reichen“.

[16] Schwurgerichtskammer des Landgerichts Frankfurt/Main, 20.12.1968, Aktenzeichen: 2/66 (Gsta).

[17] Revisionsverfahren vor dem Bundesgerichtshof, 11.10.1972 , Aktenzeichen: 2 StR 105/70.

[18] DIE ZINNFIGUR, Jg. 1986, Heft 2, S. 60.

[19] DIE ZINNFIGUR, Jg. 1990, Heft 1, S. 30.

[20] Es war allerdings noch kein eingetragener Verein. Es gab auch noch keine Satzung. Aber immerhin wurde der Vorsitzende per Handzeichen nebst einem Vertreter, einem Kassenwart und einem Schriftführer gewählt.